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Ein Erfahrungsbericht mit Carsharing

Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Persönlich habe ich die utopische Vorstellung von insgesamt weniger Autos, mehr Platz für Menschen in den Städten und elektrisch betriebenen, verlässlichen öffentlichen Verkehrsmitteln. Für Situationen in denen doch ein Auto benötigt wird (z.B. Transport von Dingen, oder doch mal zu einem See rausfahren), könnte Car-Sharing ein wichtiger Teil der Verkehrswende sein: Zu ca. 90% der Zeit stehen Autos nur auf der Straße rum, ungenutzt, und nehmen Platz weg. Daher die Idee, dass ein Auto von mehreren Menschen flexibel genutzt werden kann, am besten spontan buchbar oder bei Bedarf reservierbar für eine bestimmte Uhrzeit.
Ich interessiere mich für Autos, besitze jedoch keines, da ich in Berlin wohne und mir dachte, dass zumindest in einer Stadt wie Berlin die Zeit reif sein müsste für funktionierendes Car-Sharing. Ich habe also mehrere Car-Sharing Dienste ausprobiert: ShareNow, WeShare, SixtShare, Getaround, SnappCar und Miles. Gefallen hat mir dabei das Ausprobieren von so vielen verschiedenen Automodellen (von Golf bis Mini, bis B-Klasse und BMW i3 und weitere). Nicht gefallen hat mir, dass der Geschäftsbereich, also die Orte an denen das Auto nach der Nutzung wieder abgestellt werden darf, nicht bis in die Nähe meiner Wohnung reicht. Heißt: 2 Bahnhaltestellen fahren beim Abholen und nach dem Abstellen der Autos oder mit Fahrrad bis in den Geschäftsbereich fahren. Dieses Problemchen würde natürlich langsam verschwinden, wenn mehr Leute die Dienste nützen wurden, sodass die Firmen merken, dass es auch abseits des Stadtzentrums (wo ohnehin kein Auto benötigt wird) noch genug Austausch der Autos gibt. Getaround und SnappCar sind Beispiele für private Car-Sharing Apps, wo Privatleute ihre Autos zur Buchung anbieten, mit Versicherung über die App-Betreiber.

Foto von Amran Al-Ashouri

Doch lohnt sich Car-Sharing auch finanziell? In meinem Fall: ja. Beispiel WeShare (ein Dienst der nur Elektroautos anbietet, darunter die neuen VW ID.3): 29 cent pro Minute, doch maximal 58€ pro Tag. Im Sommer maximal 3 mal in einem Monat das Auto benötigt, also 174€ in einem Monat fürs Auto gezahlt. Zum Vergleich: Ca. 200€ kostet ein ID.3 (Basis-Modell) im Leasing pro Monat, zzgl. Versicherung, eventuelle Reparaturen- bzw. Service-Kosten, und Strom zum Tanken. Für Vielfahrer gibt es Abo-Modelle, sodass sich auch bei häufigerem Nutzen das Car Sharing noch lohnen könnte. Zusätzlich gibt es hin und wieder Spar-Aktionen. Mit Miles und SixtShare sind die Kosten sogar häufig geringer. Manche Städte (wie z.B. Freiburg mit der „grünen Flotte“ und „Stadtmobil“) bieten lokale Car-Sharing Dienste an, also lohnt es sich mal nachzuforschen und solche – noch mutigen – Initiativen beim Wachsen zu helfen.
Übrigens, meine größte Sorge war die Schadensabwicklung bzw. was passieren würde, wenn mal ein Kratzer im Lack dazukommen würde. Die Sharing-Apps zeigen bei Buchung (bzw. beim Aufmachen des Autos per App) die bereits gemeldeten Schäden an. Habe ich anfangs noch genauestens dokumentiert wenn ein kleiner Schaden noch nicht in der App registriert war, bin ich mittlerweile deutlich entspannter, denn nur neue Schäden der „Größe einer Kreditkarte“ sind relevant für die Unternehmen – insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Unternehmen das eher entspannt sehen. Für etwaige Schäden oder Unfälle beim Fahren sind die Autos versichert, auch wenn man keine eigene Versicherung hat.
Insgesamt funktioniert Car-Sharing also schon, zumindest in Großstädten. Was jedoch besser werden muss ist die Abdeckung äußerer Stadtbezirke und die Tauglichkeit für längere Strecken durch mehr Freikilometer. Erfreulich ist die Inklusion von Elektroautos in einigen Diensten und dass mir immer mehr Sharing-Autos auf den Straßen auffallen. Ich hoffe, dass dieser Trend erhalten bleibt, die gemeinsame Nutzung von Autos als immer normaler gesehen wird und, dass auch privates Car-Sharing (z.B. mit Nachbarn?!) in Zukunft selbstverständlicher wird.

Ein Erfahrungsbericht von climactivist Amran aus Berlin.